Neulich stieß ich bei einer Internetrecherche auf eine These, die mich sehr verwunderte. Zwei Musikologen aus Italien behaupten, Mozart habe nur etwa 10 % der Werke komponiert, die unter seinem Namen bekannt sind. Alle andere seien „gestohlen“, und zwar vornehmlich von italienischen, aber auch von böhmischen, spanischen und französischen Komponisten oder von Mozarts Vater Leopold geschrieben. Unwillkürlich denkt man an die – frei erfundene – Geschichte, Mozart sei von Salieri aus Neid ermordet worden. Gehörte Salieri zu einer Gruppe bestohlener Italiener, die sich dafür an Mozart rächen wollten? War Mozart doch kein Genie, vielmehr ein Plagiator? War am Ende nicht Salieri der „Schutzpatron“ der Mittelmäßigen, als den er sich im Film „Amadeus“ von Miloš Forman (an den historischen Fakten oft vorbei) explizit in der Schlußszene bezeichnet, sondern Mozart selbst?
Meine Recherche führte zunächst zu einem Interview mit Luca Bianchini und Anna Trombetta (B&T) aus dem Jahr 2021, betitelt mit „The Mozart Question“, die all diese Behauptungen aufstellen, sowie zu weiteren Quellen. Mozart erscheint hier als Produkt einer Art Mozart-Mafia, bestehend aus Musikverlagen, Plattenfirmen und weiteren Gesellschaften, die mit ihm eine Unmenge Geld verdienen. Sie alle sollen Mozart zu einem Genie hochstilisiert haben, während er in Wirklichkeit ein durchschnittlicher Komponist gewesen sei. Große Schuld habe auch die deutsche Musikwissenschaft auf sich geladen. Sie habe Mozarts Werk erst nationalistisch, dann sogar nationalsozialistisch ausgeschlachtet. Dabei habe sie eine Mythologie der Wiener Klassik fabriziert, um die zeitgenössische italienische Musik in den Schatten zu stellen. Auch Freimaurer, Illuminaten und sonstige finstere Gesellschaften spielten angeblich eine Rolle.
Gewiß, der Begriff Wiener Klassik ist ein Oberbegriff, wenn man so will: eine Konstruktion, von B&T selbst mit der Sigle HMB („it stands for Haydn[,] Mozart and Beethoven“) bedacht. Aber musikalisch sind diese drei Komponisten nun einmal eng verbunden. Zwar war keiner von ihnen gebürtiger Wiener (Haydn stammte aus Niederösterreich, Mozart und Beethoven hatten deutschen Migrationshintergrund), aber zu behaupten, Mozart habe im Wiener Musikleben kaum eine Rolle gespielt, ist abenteuerlich.
Ferner machen die beiden „Experten“ geltend, Mozart habe keine Ahnung von Kontrapunkt gehabt. Fragt sich nur, wie er dann Thomas Attwood genau darin Unterricht erteilen konnte. Familie Mozart sei deshalb immer knapp bei Kasse gewesen, weil sie sehr viel Geld für Partituren ausgaben, um diese dann abzuschreiben.
Seinen Tiefpunkt erreicht das Interview bei dieser Passage: „The catalog is fake […] Someone has forged the catalog to attribute music to him that is not his own. For example, the famous clarinet concerto K 622 is not by him, because the autograph is missing. There is only the catalog that attributes it to Mozart. So, to answer the question, Mozart composed practically nothing before 1773, and a lot of the music attributed to him after 1784 is not by him.“ Die beiden Autoren zahlreicher selbstveröffentlichter Bücher über Mozart betonen, daß sie über 20 Jahre lang eine Quellenforschung betrieben hätten, wie sie bislang von niemandem sonst geleistet worden sei.
Doch machen wir einmal eine Stichprobe, um diese steilen Thesen zu überprüfen. Nehmen wir Mozarts Klarinettenkonzert. Der einzige Hinweis auf Mozarts Autorschaft, so die beiden Italiener, sei sein eigenes Werkverzeichnis. Das sei aber erst nach Mozarts Tod geschrieben worden, also ohne Beweiskraft. Bei Autographen genügt ihnen bereits für die Ablehnung Mozarts als Urheber bereits der Umstand, daß er seinen Namen nicht auf dem Notenpapier hinterlassen hat.
In ihrem Buch „Mozart. La caduta degli dei. Parte seconda“ von 2017 lesen wir auf den Seiten 133 bis 134 folgendes zum Klarinettenkonzert: „Quest’ultimo, a quanto sembra, dovette esser stato completato due mesi prima della morte del Maestro, ma quel che rimane è un frammento di 199 battute di un primo movemento di Concerto, che è scritto per un corno di bassetto. Se ne cercava la continuazione, quando successe un vero miracolo. Dai polverosi archivi uscì un Concerto non per corno di bassetto, ma per clarinetto nuovo dizecca, scritto da un anonomi nell’Ottocento. L’originale era perduto. Fu catalogato al K.622. La musica è bella, non c’è dire, e contiene variate le medesime 199 battute del movimento per corno, ma oltre ad esserci un clarinetto di troppo, non l’ha scritta Mozart. L’orchecchio si meraviglia, ma solo il cuore può comprendere il messaggio profondo questo lavoro miracoloso.“
Ihre Behauptungen stehen auf dünnem Eis. Man fragt sich zudem, warum Autoren, die das Studium der Quellen betonen, im letzten Satz ihrer Ausführungen einen Mozartführer von 1990 (Zaslaw & Cowdery: The Compleat Mozart) zitieren. Ist das schon alles? Gibt es keine Primär-, Sekundär- oder Tertiärquellen? Immerhin erwähnen Sie ein autographes Fragment eines Konzertsatzes für Bassetthorn in G und Orchester KV 584b (621b), das übrigens aus dem Besitz der Rychenbergstiftung in Winterthur stammt und in der NMA (Neue Mozart Ausgabe) im Faksimile 1977 veröffentlicht worden ist. Aus der bloßen Tatsache, daß weitere handschriftliche Originale von Mozart nicht (mehr) existieren, schließen B&T, das Werk könne nicht von Mozart stammen, sondern von einem anynomen Komponisten des 19. Jahrhunderts. Das von ihnen bezeichnete Wunder ist allein fabriziert von B&T, ganz nach der Redensart „Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.“ Betreibt man so heute Musikwissenschaft? Quellen nicht kennen oder unter den Tisch fallenlassen, und schon hat man das Ergebnis, eine steile, Öffentlichkeit erheischende These, die man haben möchte?
Welche weiteren Quellen gibt es? Selbst der Unkundige findet erste Hinweise, etwa auf Wikipedia: „Das Konzert in A-Dur KV 622 für Klarinette und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart ist eines seiner letzten Werke, vollendet um den 8. Oktober 1791. Widmungsträger war Anton Stadler; die Uraufführung fand am 16. Oktober 1791 in Prag statt. Die erste auf einem Programmzettel nachgewiesene Aufführung fand während der Europatournee Anton Stadlers am 5. März 1794 in Riga statt.“ Eine Überprüfung bestätigt dies. Es gibt zwar keinen Programmzettel der Prager Uraufführung, jedoch hat die Musikwissenschaftlerin Pamela L. Poulin schon vor Jahrzehnten einen Nachweis für die Aufführung in Riga finden können. Stadler soll sogar Mozarts Autograph besessen haben. Laut Nissen, Mozarts erstem Biographen, soll er am 9. oder 10. Oktober das Notenmaterial (sicher mit dem Stimmenmaterial) samt Reisegeld für Prag an Stadler übergeben haben, aber es wird vermutet, daß er es auf seiner langjährigen Konzertreise quer durch Europa (1791–1795) verloren haben könnte. Das Konzert in Prag war der Auftakt dieser Tournee. Insofern dürfte, trotz des fehlenden Programmzettels, die Uraufführung durchaus in Prag noch zu Lebzeiten Mozarts stattgefunden haben, sollte das Stimmenmaterial rechtzeitig fertig geworden sein. Stadler hat gegenüber Constanze Mozart behauptet, die Noten seien ihm neben weiteren für ihn geschrieben Werken gestohlen worden, wie wir aus einem Brief der Witwe an den Verleger André unterrichtet sind. Ob verloren oder gestohlen oder von Stadler sogar verkauft, wir wissen es nicht wirklich. Nissen scheint keine hohe Meinung von Stadler als Menschen gehabt zu haben. Er gilt als der Auftraggeber des Klarinettenkonzerts, hat aber Mozart dafür offenbar nicht bezahlt..
B&T erwähnen dies alles nicht, um so „beweisen“ zu können, daß das Werk aus dem 19. Jahrhundert stamme. Kein Wort über Stadler, keine Erwähnung von Mozarts Brief an seine Frau Constanze vom 7./8. Oktober 1791, wo er ihr über die Instrumentierung des Rondos aus dem Konzert berichtet (siehe auch Wikipedia). Auch andere bekannte Quellen werden unterdrückt, die auf Handschriften aus Mozarts Zeit verweisen, etwa die Rezension von Christian Friedrich Gottlieb Schwencke in der AmZ (Allgemeine musikalische Zeitung) vom März 1802 zur Erstausgabe des Stimmenmaterials von Breitkopf & Härtel, in der der Rezensent eingangs deutlich zum Ausdruck brachte, daß er „dieses herrliche Konzert in Partitur vor sich“ habe und im weiteren Verlauf aufzeigte, daß er Mozarts für Stadler geschriebene Fassung für Bassettklarinette in A genauestens kannte (siehe auch Wikipedia). Schwenke hat eine Abschrift der Partitur von Stadler selbst in Hamburg im November 1794 bekommen. Nach dessen Tod taucht diese Handschrift im gedruckten Versteigerungsverzeichnis unter Nr. 424 auf: „Mozart. Clarinet-Concert, Partitur“. Der Käufer ist allerdings unbekannt.
Solche Art der Musikwissenschaft kennen wir von Bach. Da von diesem kein Autograph seiner sechs Suiten für Violoncello solo (BWV 1007–1012) überliefert ist, sondern nur eine fehlerhafte Kopie, die Johann Peter Kellner um 1726 erstellt hat, und eine Abschrift von Anna Magdalena Bach, angefertigt in der Zeit von 1727 bis 1731, wird einfach behauptet, die Suiten seien von Anna Magdalena Bach komponiert worden. So einfach macht man es sich.
Constantin Floros, zweifellos einer der führenden Musikwissenschaftler des 20. und 21. Jahrhunderts, sagte stets, daß man alle Quellen studieren muß, wenn man zu einer wissenschaftlichen Aussage kommen will. Zudem hat er über Heinrich Husmann folgendes gesagt: „Ihm verdanke ich prägende Einsichten und Maximen, die mir lebenslang in Erinnerung blieben: so die Auffassung, ein Musikwissenschaftler habe seinen wissenschaftlichen Horizont ständig zu erweitern, sowie die Überzeugung, er dürfe niemals etwas behaupten, was er nicht beweisen könne.“
Recht bald sind B&T auch der seriösen Wissenschaft aufgefallen. Spannend finde ich als Einstieg in die Thematik eine Website, bei der sich italienische Musikwissenschaftler, Lehrer, Historiker und Musiker zusammengetan haben, um gegen Falschmeldungen von selbsterklärten Experten vorzugehen. Sie heißt Nuova Accademia della Bufala (Lidia Bramani, Fabio Bruno, Renato Calza, Alessandro Cammarano, Paolo Congia, Michele Girardi, Marco Murara, Mirko Schipilliti, Mario Tedeschi Turco, Giovanni Tribuzio, Carlo Vitali). Sie sprechen von einem Konglomerat von systematischen Fehlern unter allen Gesichtspunkten: musikwissenschaftlichen, kompositorischen, analytischen, methodischen, falschen Zuschreibungen, falschen Zitaten usw., um Mozart zu diskreditieren. B&T sehen das offenbar anders: „In Italy we have become the reference point of Mozart’s critical musicology.“
Übrigens sind B&T keineswegs Pioniere auf ihrem Gebiet. Robert Newman will ebenfalls 15 Jahre Forschung betrieben haben und er verbreitet ganz ähnliche Thesen über Mozart als „Fake“ in diversen Foren im Netz.
Lassen wir doch am Ende das Genie Mozart selbst zu Wort kommen. Drei Zitate:
„Sie wissen, daß ich sozusagen ganz in der Musik stecke – daß ich den ganzen Tag damit umgehe – daß ich gern spekuliere – studiere – überlege.“
„Überhaupt irrt man, wenn man denkt, daß mir meine Kunst so leicht geworden ist […] Niemand hat so viel Mühe auf das Studium der Komposition verwendet als ich.“
„Komponieren ist weniger anstrengend als Nichtstun.“

