Der Musikwissenschaftler Constantin Floros, Professor emeritus der Universität Hamburg, hat ein Buch über den Komponisten György Ligeti, Professor emeritus der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, vorgelegt.

Der mit viel Spannung erwartete Band krönt die aktuellen Monographien der letzten Jahre über Ligeti mit einer Reihe gänzlich neuer Aspekte zum Schaffen des Komponisten.

Erstmals werden Ligetis Skizzen und Entwürfe zur Grundlage wissenschaftlicher Argumentationen herangezogen, dies eine condicio sine qua non der von Floros in den 60er Jahren entwickelten Methode semantischer Analyse, auf deren Basis er epochale Studien zu Beethoven, Bruckner, Mahler, Berg u.a. vorlegte.

Musikalische Exegetik bzw. Hermeneutik ist ein besonders spannendes Gebiet der Musikwissenschaft, da sie versucht, die Hintergründe eines Werkes zu deuten, d.h. die persönlichen Beweggründe eines Komponisten bis in die Entstehungsgeschichte zurück nachzuweisen.

Formale und strukturelle Analysen allein besagen ja noch recht wenig, bleiben gewissermaßen an der Oberfläche stecken. Wieviel mehr vermag eine Einbeziehung der geistigen Welt eines Komponisten auszusagen. Nach Schönberg zählt nicht »wie es gemacht ist«, sondern »was es ist« und darin ist Constantin Floros ein wahrer Meister.

Im Zentrum der Untersuchung steht Ligetis Synästhesie, von deren Mitvollzug der Hörer ein tieferes Verständnis zu seiner Musik erlangen könne. Weiterhin werden die zahlreichen oft außermusikalischen Beziehungen Ligetis zur Chaos-Theorie, Computerwissenschaft, Neurologie, Kunst, Literatur etc. in die Betrachtungen miteinbezogen. Floros bezeichnet Ligeti als einen »musicus doctus«, einen gelehrten Musiker, auch da dieser neben den genannten Gebieten außerordentliche Fachkenntnisse innerhalb der Musik hat.

Bleibt nachzutragen, daß das mit viel gestalterischem Innovationswillen erstellte Buch von Seiten des Verlages etwas unglücklich geraten ist. Die lobenswerten Mühen des Autors werden durch die etwas ›lasche‹ Endverarbeitung leider wieder geschmälert.

Die Paginierung nach innen ist schlichtweg unpraktisch, da sie das suchende Lesen erschwert. Weiterhin sind einige Abbildungen und Skizzen unglücklicherweise an ihren Rändern abgeschnitten. Druckfehler sind nicht selten (u.a. S. 137, Z. 25; S. 139, Z. 21) bzw. läßt die Druckqualität sehr zu wünschen übrig (manche Stellen sind gar von Hand nachgezogen). Trotz aller aktuellen Sparmaßnahmen hätte etwas mehr Sorgfalt am Lektorat gut getan. (MSp)

Constantin Floros: György Ligeti – Jenseits von Avantgarde und Postmoderne (Komponisten unserer Zeit, Bd. 26), Wien (Verlag Lafite) 1996, 246 S.

Rezension zuerst veröffentlicht in: PianoMAG, I/96, S. 23