Mikhail Pletnevs Version von Alexander Skrjabins Klavierkonzert

Am 22. September 2015 – etwa 100 Jahre nach Skrjabins Tod – fand in Moskau die Uraufführung von Pletnevs Fassung mit ihm als Solisten und dem Russian National Orchestra unter der Leitung von Hobart Earle statt. Seither hat Pletnev seine Version mehrmals mit verschiedenen Orchestern aufgeführt und dabei einige Revisionen an seiner Partitur vorgenommen. So hat er unter anderem die Streichung einer Passage aus dem dritten Satz wieder zurückgenommen. Die sorgfältig edierte und lang erwartete Edition basiert somit auf der revidierten Fassung und ist jetzt im Compofactur MusikVerlag als Mietmaterial erhältlich.

Skrjabins Klavierkonzert scheint ein beinahe vergessenes Solokonzert zu sein. Zumindest spielen es nicht viele Pianistinnen und Pianisten. Skrjabin erhielt gemischte Reaktionen, nachdem er sein Klavierkonzert im Oktober 1897 in Odessa uraufgeführt hat. Während die Presse einigermaßen höflich war, mochten besonders ältere Kollegen wie Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow und Alexander Konstantinowitsch Glasunow das Werk überhaupt nicht. Tatsächlich hatte Skrjabin einige Schwierigkeiten mit der Orchestration und daher bat sein Verleger, Mitrofan Petrowitsch Beljajew, Rimski-Korsakow und Anatoli Konstantinowitsch Ljadow um Überarbeitung der Partitur vor der Drucklegung. Die beiden Komponisten standen im Briefwechsel mit Skrjabin. Kurz gesagt, war Rimski-Korsakow niemals zufrieden mit der Orchestrierung und gab schließlich auf. Später hat Sergei Iwanowitsch Tanejew den Mangel an Kontrasten und die häufig unnötigen Dopplungen des Klaviers im Orchester vermerkt.

Vom Aspekt der Orchestestrierung abgesehen, ist auch die Klavierstimme durchaus herausfordernd und daher haben einige Pianisten angemerkt, sie sei sehr unbequem und beinahe unspielbar (z.B. weitgespreizte Akkorde). Kein geringerer als Mikhail Pletnev, der bereits Chopins Klavierkonzerte* überarbeitet hat, hat sich der Probleme angenommen und den Klavierpart umfangreich verändert, die Orchestration und die Balance zwischen Solist und Orchester verbessert, soweit nötig. Es gelang ihm, die Klavierstimme pianistischer und komfortabler zu gestalten und seine überarbeitete Instrumentierung ermöglicht mehr Transparenz und Klarheit der Struktur. Ohne Skrjabin irgendwie zu kompromittieren, bietet Pletnevs Version eine hervorragende Gelegenheit, um dessen Klavierkonzert zu mehr Popularität zu verhelfen, sodaß es schließlich jene Position erreicht, die ihm wirklich gebührt.

* Die Ausgangssituation ist ziemlich vergleichbar: Chopin und Skrjabin wollten mir ihren Klavierkonzerten als Pianisten und Komponisten Aufmerksamkeit erregen. Sie hatten jedoch, weil sie zuvor noch kein Werk für Orchester geschrieben haben, einige Schwierigkeiten mit der Instrumentierung und der ausgewogenen Balance zwischen Soloinstrument und Orchester. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß Skrjabins Klavierkonzert mit einer gewissen Berechtigung auch als ›Chopins 3. Klavierkonzert‹ bezeichnet worden ist. In jedem Fall ist es durchaus etwas ›Chopinesque‹, aber dank Pletnevs Version auch ›Scriabinesque‹.

Weitere Informationen:
Anatole Leikin (2018): Not Set in Stone: Mikhail Pletnev’s Rewrite of Scriabin’s Piano Concerto, in: Performance Practice Review, Vol. 22, No. 1