Gemeinschaftswerke spielten in der Musikgeschichte immer wieder eine Rolle, jedoch sind sie letztlich eher eine Art Kuriosum geblieben. Neben den vielen Pasticcio-Opern des späten 17. und 18. Jahrhunderts (wenn man so will gewissermaßen Gemeinschaftswerke im weitesten Sinne), der Gemeinschaftsoper Der Stein der Weisen von Mozart, Henneberg, Schack, Gerl und Schikaneder oder der freilich unvollendet gebliebenen kollektiven Ballett-Oper Mlada von Kjui, Mussorgski, Rimski-Korsakow, Borodin und Minkus gibt es indessen auch in anderen musikalischen Gattungen einige Gemeinschaftswerke.

Zu denken wäre hier beispielsweise an Variationen für Klavier wie Vaterländischer Künstlerverein. Veränderungen für das Pianoforte über ein vorgelegtes Thema componirt von den vorzüglichsten Tonsetzern und Virtuosen Wien’s und der k.k. Oesterreichischen Staaten (1824) zu dem 50 Komponisten beisteuerten und Hexameron. Morceaux de Concert. Grandes Variations de Bravoure sur la Marche des Puritains de Bellini (1837), das solche Komponisten wie Liszt, Thalberg, Pixis, Herz, Czerny und Chopin vereinigt.

Ferner sei an Kammermusikwerke wie die FAE-Sonate (1853) von Brahms, Dietrich und Schumann oder auch das Streichquartett über B-LA-F (1886) von Borodin, Glasunow, Liadow und Rimsky-Korsakow erinnert. Eine weitere Komponisten-Gruppe (»Groupe des Six français«) schrieb die Musik zu Jean Cocteaus Ballett- und Bühnen-Spektakel Les Mariés de la Tour Eiffel (1920–21): Auric, Honegger, Milhaud, Poulenc und Tailleferre (Durey war daran nicht beteiligt).

Zudem wäre etwa an Kirchenmusik die Messa per Rossini (1869) zu erwähnen, die aus Anlaß des Todes von Gioacchino Rossini geplant und sodann von 13 Komponisten (Verdi u.a.) ausgeführt wurde, jedoch erst 119 Jahre später am 11.09.1988 unter der Leitung von Helmuth Rilling ihre Uraufführung erlebte.

Die Messa per Rossini dürfte wohl auch Pate für ein weiteres kollektives Requiem gewesen sein: das auf eine Anregung von Helmuth Rilling entstandene Requiem der Versöhnung. Die am 50. Jahrestag des Ende des II. Weltkriegs uraufgeführte Totenmesse (UA 16.08.1995) wurde von 14 Komponisten (Berio, Cerha, Kurtág, Penderecki, Rihm u.a.) aus ehemaligen Kriegsländern verfaßt.

Praktisch in Vergessenheit geraten ist ein weiteres sakrales, allerdings nicht liturgisch gebundenes Gemeinschaftswerk des mittleren 20. Jahrhunderts, die Genesis Suite (1944–45), das die Antipoden Arnold Schönberg und Igor Strawinski sowie Mario Castelnuovo-Tedesco, Darius Milhaud, Alexandre Tansman und Ernst Toch vereint, die seinerzeit alle im Exil in den USA lebten.

Anfang 1944 beauftragte der amerikanische Dirigent und Verleger Nathaniel Shilkret, der als Komponist und Arrangeur der Metro-Goldwyn-Mayer-Filmstudios tätig war, die soeben erwähnten Komponisten mit einer kurzen Komposition. Er selbst steuerte ebenfalls einen Teil zur Genesis Suite bei.

Béla Bartók, Paul Hindemith und Sergej Prokofjew wurden übrigens ebenfalls befragt, hatten jedoch wieder abgesagt. Ausgewählte Teile der ersten Kapitel der Genesis aus dem Alten Testament sollten in Musik gesetzt werden. Vertont wurden schließlich die Vorstellung von Chaos (Schönberg), die Erschaffung der Welt (Shilkret), der Sündenfall (Tansman), Kain und Abel (Milhaud), Noah (Castelnuovo-Tedesco), die Verheißung des Herrn (Toch) und der Turmbau zu Babel (Strawinski). Ist die Genesis Suite etwa ein Torso?

Da die Genesis Suite von Shilkret ursprünglich als zehnteilige Suite konzipiert war, muß das Gemeinschaftswerk als unvollendet betrachtet werden. Bei Bartók spielten letztlich Gründe seines Verlegers Boosey & Hawkes eine Rolle. Hindemith war mit Shilkrets Textvorschlag nicht einverstanden. Da sein Gegenvorschlag nicht aus dem Buch Genesis war, kam es zu keiner Einigung mit Shilkret. Dies geht aus einem bisher unveröffentlichten Brief vom 03.07.1944 hervor, in dem Hindemith an Tansman schreibt: »The only objection I have is the subject itself: Thinking it over I could not find any musical idea in connection with the Ten Commandments, and I am afraid I won’t find any! I would rather prefer to write another biblical text, and planned already the beginning of St. John’s Gospel (In principio erat verbum). This would be either for a Solo Voice (Mezzosoprano) or – preferably – for mixed chorus.« Diese Briefpassage ist insofern aufschlußreich, als daß sie einen Hinweis auf eine mögliche ursprüngliche Konzeptionierung der Suite basierend auf den Zehn Geboten gibt. Warum dies so nicht realisiert wurde, muß vorerst offen bleiben. Tatsächlich hat Hindemith allerdings In principio erat verbum bereits zuvor vertont.

Bis auf Milhaud lebten alle beteiligten Exil-Komponisten damals in Hollywood, das von Tansman »as a kind of Weimar« angesehen wurde. Einige betätigten sich wie Shilkret auch als Filmkomponisten (Castelnuovo-Tedesco, Milhaud, Tansman, Toch). Schönberg hatte sich dem Komponieren für den Film insofern geschickt entzogen, indem er weit überzogene Honorarforderungen an die Hollywood-Produzenten stellte. Obwohl sich Strawinski zwar für Filmmusik stets sehr interessiert hatte, hat er dennoch niemals selbst für den Film komponiert.

Die Genesis spielt in der jüdischen Religion eine bedeutende Rolle. Von daher nimmt es nicht wunder, daß Shilkret sich eine Reihe jüdischer Exil-Komponisten ausgesucht hat (alle zusagenden Komponisten bis auf Strawinski, der bekennender russisch-orthodoxer Christ war). Bedenkt man dabei die auch zunächst befragten Komponisten Bartók, Hindemith und Prokofjew, so sei damit noch nicht mit Gewißheit gesagt, es wäre Shilkret allein um die Vermittlung jüdischer Vorstellungen der Schöpfungsgeschichte gegangen oder gar um eine Art musikalisches Manifest seitens von Exil-Komponisten. Schließlich waren Bartók, Hindemith, Prokofjew und Strawinski keine Juden sowie Prokofjew seinerzeit nicht mehr im Exil. Was also seine genauen Beweggründe waren, bedarf noch näherer Untersuchung. Die Vertonung der Zehn Gebote wäre immerhin realisierbar gewesen, wenn sich Bartók, Hindemith und Prokofjew auch beteiligt hätten.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß der russisch-orthodoxe Strawinski es als blasphemisch angesehen hatte, dem Wunsch Shilkrets zu folgen, die Worte Gottes aus der Bibel von einem Sprecher vortragen zu lassen. Daher entschied er sich dafür, dieselben von einem zweistimmigen Männerchor vortragen zu lassen. Strawinskis Sprecher trägt den rhythmisch nicht fixierten Text als Melodram vor. Shilkret hat die Textvorlage unter Verwendung verschiedener Ausgaben selbst eingerichtet. Er benutzte hauptsächlich die traditionelle ›King James Version‹ (KJV). Schönbergs Prelude hingegen, welche die Schöpfung einleitet, verwendet zwar einen Chor, jedoch keinen Text.

Die Genesis Suite wurde bisher nur zweimal aufgeführt. Zuerst am 18.11.1945 im Wilshire Ebell Theatre in Los Angeles mit der Janssen Symphony of Los Angeles unter Werner Janssen. Und dann am 08.02.1947 im Tabernacle in Salt Lake City mit der Utah Symphony ebenfalls unter Werner Janssen. Sprecher war wiederum Edward Arnold.

Ab Ende 2000 bemühte ich mich intensiv, die als verloren geltenden Manuskripte von Mario Castelnuovo-Tedesco, Darius Milhaud, Nathaniel Shilkret, Alexandre Tansman und Ernst Toch wiederaufzufinden. Mein Ziel war es, die Genesis der Genesis Suite näher zu beleuchten, eine Neuedition zu konzipieren, sowie eine Neuaufnahme anzuregen.

Insbesondere E. Randol Schoenberg war mir während der Recherchen äußerst behilflich, indem er mich u.a. mit diversen Erben der Komponisten in Verbindung brachte. Sehr zu Dank verpflichtet bin ich auch den beiden Töchtern von Alexandre Tansman, Mireille Tansman Zanuttini und Marianne Tansman Martinozzi, welche mir im Frühjahr 2001 beispielsweise eine Photokopie der autographen Partitur von Adam and Eve überließen.

Der Enkel Arnold Schönbergs half mir weiterhin im Frühjahr 2001 die Masters einer historischen Aufnahme in Los Angeles bei Capitol Records ausfindig zu machen. Es handelt sich um die 1951 bei Capitol erschienene Mono-LP-Aufnahme. Diese ist jedoch nicht identisch mit den 1946 auf dem Artist-Label veröffentlichten Schellack-Aufnahmen, die auch abweichend gekoppelt sind (Schönbergs Prelude wurde als ›Postlude‹ an das Ende plaziert!). Musical Director von Artist Records war übrigens der amerikanische Dirigent Werner Janssen.

Für die Capitol-Schallplatte wurde die Sprecherrolle von Ted Osborne zur bereits existierenden Musikaufnahme eigens aufgenommen. Sprecher der Erstaufnahme war seinerzeit der Filmschauspieler Edward Arnold, der obendrein schon bei der Uraufführung die alttestamentarischen Texte rezitiert hatte.

Die Capitol-Aufnahme wurde Ende 2001 wiederveröffentlicht:

Komponisten: A. Schoenberg · N. Shilkret · A. Tansman · D. Milhaud · M. Castelnuovo-Tedesco · I.F. Strawinski · E. Toch
Sprecher: Ted Osborne
Chor: ???
EinStudierung: Hugo Strelitzer
Orchester: Janssen Symphony of Los Angeles
Dirigent: Werner Janssen

2001 Angel Records
1CD |A|D|D| 7243 5 67729-2
Int. VÖ-Datum: 11/2001

N.B.: Es erscheint mehr als wahrscheinlich, daß Capitol/Angel aufgrund meiner Korrespondenz mit dem Archivar des Band-Archivs in Los Angeles überhaupt wieder auf die Aufnahme aufmerksam wurde und diese von daher noch im selben Jahr veröffentlicht hat.

Währendessen brachte Schoenberg in Erfahrung, daß die renommierte Milken Family Foundation bereits im Dezember 2000 eine NeuAufnahme der Genesis Suite durchgeführt hat.

Ich freue mich sehr, daß die Genesis Suite endlich erfolgreich rekonstruiert werden konnte. Weitere Informationen liefert die Webseite des Milken Archive of American Jewish Music.

Die Neuaufnahme erschien schließlich im September 2004:

Komponisten: A. Schoenberg · N. Shilkret · A. Tansman · D. Milhaud · M. Castelnuovo-Tedesco · E. Toch · I.F. Strawinski
Sprecher/in: Tovah Feldshuh · Barbara Feldon · David Margulies · Fritz Weaver · Isaiah Sheffer
Chor: Ernst-Senff-Chor
EinStudierung: Sigurd Brauns
Orchester: Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Dirigent: Gerard Schwarz

2004 Naxos (American Classics)
1CD |D|D|D| 8.559442
USA VÖ-Datum: 09/2004
Int. VÖ-Datum: 09/2005