Sowohl Pietro Mascagnis „Intermezzo sinfonico“ aus der Oper Cavalleria Rusticana (1889) als auch Jules Massenets Intermezzo „Méditation“ aus der Oper Thaïs (1892–93/98) gehören bis in unsere Zeit zu den beliebtesten Intermezzi der Operngeschichte. Schon sehr bald reagierten daher die Musikverleger mit Bearbeitungen für verschiedene Besetzungen vor­nehmlich für den Hausgebrauch und machten dadurch diese Stücke erst recht populär.

Mascagnis Intermezzo wurde beizeiten auch mit einem Text versehen für Sänger/innen zugänglich gemacht. Sein Ave Maria (oder Sancta Maria) nach seinem „Intermezzo sinfonico“ wird bis heute regelmäßig auf der Konzertbühne und im Aufnahmestudio in verschiedensten Arrangements gesungen. Weniger bekannt ist, daß auch Massenet ein Ave Maria nach seiner „Méditation“ für Solo-Stimme, Violine, Orgel und Klavier oder Harfe angefertigt hat, allerdings mit dem originalen Gebetstext der Westkirche und nicht, wie bei Mascagni, nach der Textfassung von Piero Mazzoni. Das ist keineswegs eine abwegige oder womöglich blasphemische Idee, denn seine Original­version für Solo-Violine, Chor und Orchester wurde recht früh auch als Méditation religieuse bezeichnet gemäß der Charakter- bzw. Tempobezeichnung „Andante religioso“ in der Partitur. Die „Méditation“ markiert in der Handlung der Oper eine ganz entscheidende Wende vor einem ebenfalls religiösen Hintergrund.

Das Libretto von Louis Gallet (1835–1898) zu Massenets comédie-lyrique beruht auf dem seinerzeit erfolgreichen antiklerikalen und historischen Roman gleichen Namens von Anatol France (1844–1924). Die Handlung ist im frühen Christentum des 4. Jahrhunderts n.Chr. in Ägypten ver­ankert und erzählt die Geschichte der Bekehrung der alexandrinischen Hetäre Thaïs zum Christentum durch den Einsiedler-Mönch Athanaël. Der historische Bezug dabei ist die Legende der Hl. Thaïs (Patronin der reuigen Dirnen), die, nachdem sie von Paphnutius von Ägypten (†um 360 n.Chr.) zum Christentum bekehrt wurde, bis zu ihrem Tod als Einsiedlerin lebte. Überliefert ist die Heiligenlegende bereits durch die Dialoglegende Paphnutius von Roswitha von Gandersheim (um 935–nach 973). Offenkundig dabei ist die Anspielung auf Thaïs, der legendären Hetäre Alexanders des Großen aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. Während die „Méditation“ in der Oper erklingt, entschließt sich Thaïs zuletzt dem Ruf Athanaëls zu folgen, der Sünde zu entsagen und Christin zu werden, um dann als Einsiedlerin in die Wüste zu gehen.

Auch bei Mascagni ist eine vokale Fassung mit Ave-Maria-Text durchaus nicht willkürlich. Auch hier spielt die Musik in einem religiösen Kontext. Man hört einen imaginären Ostergottesdienst – daher auch die Orgel im Orchester. Mascagni schrieb am Beginn des „Intermezzo sinfonico“ in seinem autographen Klavierauszug die Worte „Imitando la Preghiera“, was seine Intentionen unterstreicht. Weiterhin greift der Komponist dabei auf die vom Chor in der Kirche vorgetragenen Anfangstakte des Regina coeli aus der „Scena und Preghiera“ zurück, mit der die Kirchenszene davor begann. Somit dürfte klar geworden sein, daß es durchaus legitim ist, daraus ein Ave Maria zu verfassen.

Musikalische Gebetsszenen (häufig Gebete an die Jungfrau Maria) in Form von ruhigen, meditativen Arien entsprachen dem Geschmack der damaligen Zeit und waren zugleich in die Marienverehrung der Katholischen Kirche eingebunden. Somit haben Mascagni und Massenet aus ihren Opern-Intermezzi nachträglich Preghiere für die Konzertbühne geschaffen, die auch heute noch das Publikum berühren. Dies einfach nur als Kitsch abzutun, entspricht nicht dem Bestreben ihrer Schöpfer.

Massenet hat die Solo-Violinstimme für die Gesangslinie an wenigen Stellen umgestaltet. Gesangsstimme und Solo-Violine harmonieren dann im zweistimmigen Satz. Auch sei erwähnt, daß er bereits die originale Fassung für Solo-Violine von Anfang an für eine Verwendung im Konzert eingerichtet hat. Alle Hinweise in der gedruckten Partitur zur Positionierung von Oboe, Englisch Horn und Chor stehen bereits im Autograph, ebenso die Alternativen, wenn ein Chor nicht verfügbar ist. Massenet hat bei Verwendung des Chores im Konzert entweder acht Sänger/innen oder vier Solist(inn)en vorgesehen, die im Orchester sitzend zu platzieren sind.

Die vorliegenden Ausgaben sind Einrichtungen für den Konzertgebrauch für Solo-Stimme, Chor, Orgel und Orchester, die zwar nicht auf Handschriften von Massenet zurückgehen, aber sein Placet finden dürften; vielleicht auch, weil Druckfehler eliminiert wurden. Die zweitaktige Einleitung, die ja in der Opern-Partitur fehlt, wurde auch für diese Editionen übernommen, schließlich ist sie auch in Massenets Vokal-Fassungen zu finden. Die Beibehaltung des Chores mit geschlossenem Mund auch für die gesangliche Ausführung unterstreicht durchaus die originäre Absicht in der Oper als imaginäre Preghiera quasi als stilles Gebet.

Herrn Prof. Wieland Reißmann sei an dieser Stelle für seine wertvollen Hinweise bei der Redaktion dieser Publikation herzlich gedankt. MSp

 


Komponist: Massenet, Jules (1842–1912)
Textdichter: Anonymus
Edition/Transkription: Spindler, Matthias (*1963)
Opus: Ave Maria sur la Méditation de Thaïs (Konzertfassung)
Besetzung: MezzoSopran – Chor (SATB) – Orgel (ad lib.) – Solo-Violine – Orchester
Instrumente: 2 Fl · 1 Ob · 1 EH · 2 Kl (A) · 1 BKl (B) · 2 Fg · 1 KFg – 4 Hrn (F) – Pk – Hrf – Str
Tonart: D-Dur
Dauer: 06:00

 


Komponist: Massenet, Jules (1842–1912)
Textdichter: Anonymus
Edition/Transkription: Spindler, Matthias (*1963)
Opus: Ave Maria sur la Méditation de Thaïs (Konzertfassung)
Besetzung: Sopran – Chor (SATB) – Orgel (ad lib.) – Solo-Violine – Orchester
Instrumente: 2 Fl · 1 Ob · 1 EH · 2 Kl (A) · 1 BKl (B) · 2 Fg · 1 KFg – 4 Hrn (F) – Pk – Hrf – Str
Tonart: D-Dur
Dauer: 06:00

 


Komponist: Massenet, Jules (1842–1912)
Textdichter: Anonymus
Edition/Transkription: Spindler, Matthias (*1963)
Opus: Ave Maria sur la Méditation de Thaïs (Konzertfassung)
Besetzung: MezzoSopran – Chor (SATB) – Orgel (ad lib.) – Solo-Violine – Orchester
Instrumente: 2 Fl · 2 Ob · 2 Kl (B) · 2 Fg – 4 Hrn (F) – Pk – Hrf – Str
Tonart: D-Dur
Dauer: 06:00

 


Komponist: Massenet, Jules (1842–1912)
Textdichter: Anonymus
Edition/Transkription: Spindler, Matthias (*1963)
Opus: Ave Maria sur la Méditation de Thaïs (Konzertfassung)
Besetzung: Sopran – Chor (SATB) – Orgel (ad lib.) – Solo-Violine – Orchester
Instrumente: 2 Fl · 2 Ob · 2 Kl (B) · 2 Fg – 4 Hrn (F) – Pk – Hrf – Str
Tonart: D-Dur
Dauer: 06:00

 

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Compofactur MusikVerlag Massenet: Ave Maria sur la Méditation de Thaïs

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Fon   +49 (40) 22 69 50 24
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