Das Spätwerk Arnold Schönbergs hat bisher nicht die ihm gebührende Rezeption gefunden, steht es doch einerseits nach wie vor im Schatten seiner eher ›populären‹ Werke (z.B. Verklärte Nacht Opus 4, Pelleas und Melisande Opus 5) sowie seiner bahnbrechenden atonikalen Werke (z.B. die sog. George Lieder Opus 15, Pierrot lunaire Opus 21) auf dem Weg zur Entdeckung der Zwölftonreihentechnik. Im Zentrum der ›orthodoxen‹ Schönberg-Rezeption standen letztlich stets die zwölftonreihentechnisch komponierten Werke ab der Suite für Klavier Opus 25.

Wie ist dieser Bruch zu verstehen? Im März 1933 verkündete Max Schillings, Präsident der Preußischen Akademie der Künste in Berlin, daß der jüdische Einfluß an dieser Institution gebrochen werden müsse. Schönberg beantragte daraufhin augenblicklich Urlaub. Im April wurde das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« verabschiedet und im Mai erfolgte die sofortige Amtsenthebung des Komponisten. Schönberg emigrierte im Oktober über Frankreich in die Vereinigten Staaten von Amerika. Zuvor vollzog er im Juli in Paris den Wiedereintritt in die jüdische Glaubensgemeinschaft.

Schönbergs Spätwerk entspricht den im Exil in Amerika (1934–50) entstandenen Werken. Neben den politischen Gründen ist aber noch ein weiterer Grund für den Bruch anzuführen: Theodor W. Adornos gewagte und folgenschwere Hypothese von der »Lossage vom Material«. Adorno hatte Schwierigkeiten die retonalen Werke (z.B. Suite in G) in seine »Philosophe der neuen Musik« einzureihen. Schönbergs teils freier Umgang mit der Zwölftonreihentechnik und der Rückgriff auf klassische Formen (z.B. Suite in G, Violin Concerto Opus 36, Piano Concerto Opus 42) bereiteten dem Philosophen Probleme.

Schönberg, der Hitlers Weg in den II. Weltkrieg mit größter Sorge beobachtete, entwickelte sich zu einem engagierten Komponisten. Dies zeigen seine politischen (Ode to Napoleon Buonaparte Opus 41, A Survivor from Warsaw Opus 46) und religiösen (u.a. Kol nidre Opus 39, Dreimal tausend Jahre Opus 50a, De profundis Opus 50b, Modern Psalm Opus 50c) Werke dieser Zeit. Freilich war Schönberg, im Gegensatz zu seinem Schüler Hanns Eisler, nicht so naiv zu glauben, daß politisch engagierte Musik wirklich etwas ändern könne. Vielmehr war er davon überzeugt, daß Politik nur durch Politik und nicht durch Musik gemacht werden könnte.

Daher hat Schönberg im Gegensatz zu Eisler auch keine ›Kampfmusiken‹ oder dergleichen geschrieben. Allerdings wurde seine Stimme als Komponist deutlicher. Hatte er Hitler zunächst noch in der Ode to Napoleon Buonaparte Opus 41 verklausuliert kritisiert, so bezog er in A Survivor from Warsaw Opus 46 klar Position. Dies auch deshalb, weil ihn die schreckliche Nachricht von der Ermordung seines Bruders Heinrich sowie seines Cousins Arthur ereilte.

Man könnte – etwas pointiert – den Schluß ziehen, daß Schönberg, der einst prophezeit hatte, daß durch seine »Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen« die »Vorherrschaft der deutschen Musik für die nächsten hundert Jahre gesichert ist«*, gerade durch ›Hitler und die Folgen‹ daran gehindert wurde, eben dieses Werk konsequent zu vollenden. Im Exil war er dem geistigen Nährboden Europas entwurzelt. Die Prinzipien der Zwölftonreihentechnik konnte der Komponist in der ›musikalischen Diaspora Amerika‹, wo seine Kunst noch weitaus verständnisloser als in Europa aufgenommen wurde, nicht mehr entscheidend weiterentwickeln.

Das Angewiesensein auf Aufträge, Schönbergs Unterrichtstätigkeit (z.B. die Professur an der UCLA) sowie gesundheitliche Schwierigkeiten (Asthma, Herzinfarkt [vgl. Streichtrio Opus 45], Sehschwäche) im fortgeschrittenen Alter sind zudem in Betracht zu ziehen. Vor allem aber hat er die Entwicklung des musikalischen Materials angesichts der Notwendigkeit, sich als Komponist vor allem für die Situation der Juden (z.B. Four-Point Program for Jewry) zu engagieren, zurückgestellt.

Schönbergs Prelude [to Genesis] Opus 44 ist eines seiner weniger bekannten Spätwerke. Das Werk, eine Art Gelegenheitskomposition, war ein Beitrag zu dem Gemeinschaftswerk Genesis [Suite] for narrator, choir and orchestra (1944–45) im Auftrag des amerikanischen Komponisten und Musikproduzenten Nathaniel Shilkret. Neben Schönberg und Shilkret hatten auch Castelnuovo-Tedesco, Milhaud, Strawinski, Tansman und Toch einen Beitrag geleistet. Die Uraufführung der Genesis [Suite] fand am 18.11.1945 in Los Angeles statt. Bei dieser einmaligen Aufführung ist es auch geblieben, einige Manuskripte gingen verloren.

Die Idee von Genesis war es, ausgewählte Kapitel aus dem Buch Genesis des Alten Testaments zu vertonen. Schönbergs Prelude, welche die Schöpfung einleitet, verwendet zwar einen Chor, jedoch keinen Text. Man könnte sie insofern mit Haydns ›Vorstellung des Chaos‹ in seinem Oratorium Die Schöpfung vergleichen. Mit Haydn teilt Schönberg jedoch nicht die ›Vorstellung des Chaos‹, sondern die ›Vorstellung von göttlicher Ordnung‹, die er mit Kontrapunktik musikalisch umzusetzen versuchte. Auch wenn die Prelude ein Gelegenheitswerk ist, so läßt sie sich dennoch im weiteren Sinne den bekennenden religiösen Werken des Spätwerks zuordnen.

Die Prelude ist in der für Schönbergs amerikanische Zeit charakteristischen, relativ gemäßigt strengen Behandlung der Zwölftonreihen komponiert. Nach einer 24 Takte langen Einleitung beginnt ein Fugato im zweistimmigen Satz, das sich auf acht Stimmen ausweitet. Sechs Einsätze des Themas folgen. Zuerst spielt das Englischhorn das Thema (Dux), das 1. Fagott den Comes (Kontrapunkt). Als nächstes Paar erklingen die 1. Geige (Thema in Umkehrung) und die kleine Flöte (doppelter Kontrapunkt). Die im weiteren Verlauf hinzutretenden Instrumentenpaare werden in zwei Phasen zunehmend kontrapunktisch verflechtet. Schönberg nutzt die zahlreichen kontrapunktischen Möglichkeiten, verfährt dabei aber nicht streng akademisch, sondern bevorzugt einen freien Umgang derselben. Ein Zwischenspiel greift auf die Einleitung zurück. Der Chor tritt erst gegen Ende der zweiten Phase hinzu. Der letzte Choreinsatz in den Finaltakten bildet den Höhepunkt. (MSp)

Text (leicht gekürzt) zuerst veröffentlicht unter dem Titel »Arnold Schönberg: Prelude (zu Genesis)« als Programmheftbeitrag für die »51. Berliner Festwochen – Schönberg &« anläßlich eines Konzerts vom 14. September 2001 in der Berliner Philharmonie (S. 4-6). Der Dirigent Sylvain Cambreling leitete das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg sowie das SWR Vokalensemble Stuttgart.

* AnMerkung: Diese vielzitierte Aussage hat sich mittlererweile als nicht authentisch erwiesen. Wie ein Enkel Arnold Schönbergs kürzlich anhand von Briefstellen zeigen konnte, würde der Komponist vielmehr dergleichen niemals geäußert haben. Schönberg war alles andere als ein radikaler Nationalist. Insofern läßt sich das, was einst sein Schüler Josef Rufer verbreitete (Josef Rufer: Das Werk Arnold Schönbergs, Kassel 1959), auch nicht in anderen Quellen nachweisen. Schönberg schrieb etwa in einem Brief an die Frau des Architekten Adolf Loos vom 17. November 1930: »Und Sie wissen vielleicht, daß ich mir einbilde der Menschheit für wenigstens hundert Jahre die Wege musikalischen Schaffens gewiesen zu haben.« Zit.n.: E. Randol Schoenberg: The Most Famous Thing He Never Said, IFSM Newsletter no. 4 part two, November 2002. Druckfassung: E. Randol Schoenberg: The Most Famous Thing He Never Said, in: Christian Mayer (Hrsg.), Arnold Schönberg und sein Gott, Bericht zum Symposium, 26.-29. Juni 2002, Wien 2003 (JASC 5), S. 27-30