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Die patente Rolle
 
Wer bisher vielleicht dachte, daß im Klavierbau im Grunde keine (r)evolutionären Entwicklungen mehr möglich sind, sieht sich nun eines Besseren belehrt. Ein winziges Detail, auf der diesjährigen Frankfurter Musikmesse präsentiert, scheint bisher übersehen worden zu sein: die Hammerrolle.

Und die könnte jetzt zu einer Sensation werden. Das Problem war, daß die Hammerrolle eigentlich bisher keine war, denn sie drehte sich nicht. Seit 1840, als die Repetiermechanik Jean-Babtiste Erards von 1821 durch Henri Herz vervollkommnet wurde, hat man die Klaviermechanik im Wesentlichen als ausgereift betrachtet.

Der Österreicher Josef Meingast, jahrelang Klavierbauer in der altehrwürdigen Klavierfabrik und heutigen Cembalomanufaktur J.C. Neupert in Bamberg, hat im Ruhestand nochmals gründlich über alles nachgedacht. Beim systematischen Durchdenken aller Einzelbausteine der Klaviermechanik. stieß er auf die Hammerrolle. Der kleine, am Stil des Hammers befestigte Zylinder, regelt die Verbindung zwischen Stoßzunge und Repertierschenkel.

Keiner kam jedoch offenbar auf die Idee, die Hammerrolle um ihre eigene Achse drehen zu lassen. Erst Meingast hat dies geändert und dadurch einen enormen Unterschied erreicht. Sein Patent beruht auf der Rollreibung, die wesentlich weniger Widerstand bietet als die bislang vorherschende Gleitreibung.

Die Süddeutsche Zeitung faßt dies wie folgt zusammen: »Die Kraftersparnis beim Herunterdrücken einer Taste beträgt 20 bis 25 Prozent, während die durchs Halten der Taste erzeugte Energie zunimmt. Die daraus resultierende größere Rückkehrgeschwindigkeit des Hammers erlaubt es den Pianisten fortan, einzelne Töne sehr viel schneller zu repetieren als bisher.

Damit nicht genug. Meingasts Firmenchef, der Klavierbaufachmann Wolf Dieter Neupert, verweist auf weitere Folgen für die künstlerische Praxis: Die drehbare Rolle verbessert die Anschlagssicherheit, erweitert so die Möglichkeiten der Klangdifferenzierung vor allem im Pianissimo und ermöglicht zugleich ein schnelleres Spiel ohne dynamische Einbußen. Das heißt nicht weniger als: die Grenzen des bisherigen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten werden höchst spür- und hörbar erweitert werden.« (Martin Köhl: SZ vom 16./17. März 2002, S. 13)

Meingasts patentierte Hammerrolle wurde für erste Versuche in einen Steinway eingebaut. Einige Pianisten haben den Flügel bereits getestet und für gut befunden. Allerdings könnten andere auch kritisch reagieren, so Meingast. Wer möchte schon zugeben, 'technische Spielhilfen' zu nutzen... Nichtsdestotrotz dürften sich neue Möglichkeiten insbesondere für die zeitgenössische Klaviermusik ergeben, die etwa von der erhöhten Repetitionsfähigkeit der Tasten profitieren könnte. Komponisten, die sich mit den Möglichkeiten der drehenden Hammerrolle auseinandersetzten, könnten die Klaviermusik aufs Neue ins Rollen bringen.

Die Klaviermanufaktur Steingraeber & Söhne aus Bayreuth bietet den neuen »Kammerkonzertflügel 205 SI« schon mit den rollenden Hammerrollen (Patent Josef Meingast) an.
 
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