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Pfingstliche Ornith(e)ologie
 
Mit Pfingsten haben wir so unsere Probleme. Da tritt der große Unbekannte auf den Plan, der Heilige Geist. Mit einem Gott, den man ›Vater‹ nennen darf (vgl. Mt 6, 9; Lk 11, 2), können wir etwas anfangen. Ein Gott, der zudem Mensch ist, kommt uns sehr gelegen. Das ist anschaulich, so können wir uns Gott vorstellen. (Aus der Sicht anderer Kulturen und Religionen freilich besteht genau darin eine Zumutung.) Der Geist jedoch, die dritte göttliche Person, entzieht sich unserem Bedürfnis nach Anschaulichkeit. Er ist wesenhaft unsichtbar.

In der ›Abschiedsrede‹, die uns Johannes überliefert hat, beschreibt Christus diesen Geist als den »Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt.« Man sollte annehmen, daß sich die Jünger von ›der Welt‹ der Nichtgläubigen deutlich unterscheiden. Doch gesteht Christus lediglich zu: »Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird« (Joh 14, 17). Wir kennen den Geist also, denn er lebt durch Taufe und Firmung in uns. Aber sehen können wir ihn nicht — genausowenig wie die ›Heiden‹.

Olivier Messiaen (1908-1992), wohl der bedeutendste Organist und Orgelkomponist des 20. Jahrhunderts, deutete die Unsichtbarkeit des Geistes im Anschluß an Joh 14, 17 als Gottes Überlegenheit. Gott entzieht sich allen menschlichen Versuchen des Sehen-, Begreifen- und Inbesitznehmen-Wollens:

»Das Unsichtbare ist der eigentliche Bereich des Heiligen Geistes... . Die sichtbaren und unsichtbaren Dinge! In diesen Worten ist alles enthalten! Die bekannten und unbekannten Ausmaße: Vom angenommenen Durchmesser des Universums bis zu dem des (kleinsten) Protons — die bekannten und die unbekannten Zeitdauern: vom Alter der Milchstraße bis zu dem der Protonwelle — die geistige und die materielle Welt, die Gnade und die Sünde, die Engel und die Menschen — die Mächte des Lichtes und der Finsternis — die Schwingungen der Atmosphäre, der liturgische Gesang, der Gesang der Vögel, die Melodie der Wassertropfen, das dumpfe Grollen des Ungeheuers in der Apokalypse — alles, was greifbar ist, und alles, was verborgen, geheimnisvoll und übernatürlich ist, alles, was der Wissenschaft und dem rationalen Denken spottet, alles was wir nicht enträtseln können und nie verstehen werden...« (Messiaen zu seinem Biographen Antoine Goléa).

Messiaen war tieffromm. Er bezeichnete sich als »katholisch geboren«. Über 60 Jahre hindurch versah er in der Pariser Dreifaltigkeitskirche seinen Dienst als Gemeindeorganist. Für ihn gab es nur einen Weg, um dem Heiligen Geist auf die Spur zu kommen: Wo das Sehen versagt, muß das Hören und Tasten einsetzen! Und er setzte alles daran, »eine Musik hervorzubringen, die alle Dinge und dabei Gott betastet«.

Musik ist Gleichnis des Heiligen Geistes. Sie ist genauso unsichtbar und unmittelbar. Vor allem die Orgelmusik, denn man kann nicht einmal die Orgel oder den Organisten auf seiner Empore spielen sehen. Im Nu erfüllt ihr Klang den Raum wie der Geist das All. Auf den Tasten der Orgel tastet sich der Spieler an das göttliche Mysterium heran. Die Pfeifen verwandeln das Wehen des Geistes in Töne, ihre Zungen symolisieren die »feurigen Zungen« (Apg 2, 3) des Geistes von Pfingsten. So vermag die Orgel den Heiligen Geist wie kein anderes Instrument — klanglich — zu ›verbildlichen‹.

1949-50 entsteht Messiaens »Pfingstmesse« für Orgel. Ob er sich dabei inspirieren (»spiritus« = Geist!) läßt vom Introitus der Pfingstmesse: »Spiritus Domini replevit orbem terrarum, alleluia, et hoc, quod continat omnia, scientiam habet vocis, alleluia, alleluia, alleluia — Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis, und er, der alles zusammenhält, hat Kenntnis von jedem Laut« (Weish 1, 7)?

Jedenfalls lehrt der Vers: Nicht nur der Mensch vernimmt das »leise, sanfte Säuseln« (1 Kön 19, 12) des Geistes. Sondern auch der Geist hört den Menschen, ja die ganze Schöpfung. In Messiaens »Pfingstmesse« erklingen Vögel (vgl. Dan 3, 80) — Amsel, Rotkehlchen, Gartengrasmücke, Kuckuck, Nachtigall, Lerche —, die dem Schöpfergeist ihr Lob singen. Der Geist antwortet mit gewaltigem Brausen (vgl. Apg 2, 2). Pfingsten wird akustisch.

P. Wolfgang Hariolf Spindler OP*
 
* WHS ist Dominikanerpater und freier Pianist in Augsburg
 
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