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Ex-Pianistin lebte im Auto
 
Eine Geschichte, wie sie britischer nicht sein könnte: Eine Pianistin verliert ihre Wohnung, lebt 23 Jahre in einem Auto in einer feinen Gegend von London, bis schließlich ihr Auto abgeschleppt wird.

Anne Naysmith (65) mietete sich in den 60er Jahren eine Wohnung im vornehmen Chiswick, einem Stadtteil im Westen Londons. Die exakte Adresse: Prebend Gardens No. 22. Dort gab sie fortan Klavierstunden. Von dem ersparten Geld leistete sich die Klavierlehrerin einen blauen Ford Consul mit Linkslenker für stolze 800 Pfund.

1950 nahm Miss Naysmith eine Musiklehrerstelle an der »Maris Convent School« in Sunninghill, Berkshire, an und ab 1960 unterrichtete sie gar am »Trinity College of Music« in London. Ihre pianistische Karriere hatte auch einen guten Anlauf genommen. Nach ihrem Studium an der »Royal Academy of Music« spielte sie Bach, Beethoven und Debussy am »Leighton House« in Holland Park im Londoner Westen und gab sogar Konzerte mit Sir Adrian Boult. 1967 mietete ihre Mutter für ein Recital-Programm mit Chopin und Rachmainov die Londoner »Wigmore Hall«. Annes Karriere erhielt durch wohlwollende Kritiken seitens des »Daily Telegraph« und der »Times« einen weiteren Aufschwung.

Wohl weil die große Konzertkarriere ausblieb, verlor Anne Naysmith Anfang der 70er Jahre das Interesse am Klavierunterricht. Ohne weitere Geldquellen kam, was kommen mußte: Sie konnte irgendwann nicht mehr ihre Miete bezahlen, der Vermieter verkaufte irgendwann ihr Klavier und setzte sie schließlich vor die Haustür No. 22. Verbunden ist dies sogar noch mit einer unglücklich verlaufenen Liebesgeschichte zu einem Chorsänger.

So beschloß Miss Naysmith 1979 in ihrem blauen Ford zu hausen und darum zu kämpfen, wieder in No. 22 einziehen zu können. Zunächst dachte sie, recht schnell wieder ihre Wohnung zurückzubekommen, denn schließlich sei dies eine Frage der Gerechtigkeit. Mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit kämpft sie bis heute — leider erfolglos — darum.

Mit der Zeit entwickelte sich Anne Naysmith zu einer Art Diogenes von Chiswick. Die exzentrische Dame wurde stadt(teil)bekannt. Sie zelebrierte ihre Waschungen im Sprechzimmer eines Arztes, kochte ihre Mahlzeiten auf einem nahegelegenen Parkplatz, wo sie auch Gemüse anpflanzte. Einige ihrer Nachbarn, denen sie Gartenprodukte anbot, schätzten besonders ihr Tomaten-Chutney.

Miss 'Diogenes' Naysmith besuchte regelmäßig die Musikbibliothek des Barbican Centre und schwatzte gerne mit dem Publikum vor der Royal Albert Hall. Mit der Zeit löste sich ihre Kleidung ins Nichts auf und so machte sich die Eigenbrötlerin welche aus Lumpen. Mit Taubenfedern isolierte sie die Platiktüten, die sie an ihren Füßen trug. Almosen lehnte Miss Naysmith stets ab. Es hieß, daß sie eine kleinere Summe auf einem Bankkonto zum Überleben hatte.

Die Kommune von Hounslow wurde bereits 1976 auf Miss Naysmith aufmerksam. Man bot ihr seit dieser Zeit auf jede erdenkbare Art Hilfe an. Sozialarbeiter und Wohltätigkeitsorganisationen und viele mehr wollten ihr Gutes tun. Sie hätte sogar in andere Wohnungen einziehen können. All dies half nichts. Miss Naysmith besteht bis heute darauf, ihre Wohnung in Prebend Gardens No. 22 wiederzubekommen. Alles eine Frage der Gerechtigkeit...

So vergingen die Jahre ins Land. Mit der Zeit änderte sich der Charakter von Chiswick. Die Alten starben weg oder zogen fort, allmählich kamen Schauspieler, Künstler und Medienleute in das Viertel. Für ein viktorianisches Häuschen konnte man locker 500.000 Pfund und mehr hinblättern. Auch wurden die Autos dort schicker. So blieb es nicht aus, daß Miss Naysmith und ihr alter Ford nicht mehr ins Bild passen wollten. Schließlich sollte der Werte der Immobilien nicht darunter leiden.

Vor zwei Jahren schrieb jemand einen Brief an seine Nachbarn, der eine Anti-Naysmith-Aktion auslöste. Hinzu kamen die üblichen Verleumdungen. Miss Naysmith sei ein Gesundheitsrisiko: Der Wagen sei verschmutzt, sie halte dort Tauben, unter ihrem Auto seien gar Ratten gesehen worden. Es gab auch Pro-Naysmith-Briefe: Miss Naysmith wohne schon viel länger als viele andere hier. Das Ganze zog sich hin. Ein Ombudsmann wurde eingesetzt. Man bot Miss Naysmith erneut mehrere Wohnungen an. Sie bestand jedoch auf No. 22. Die Behörden mußten irgendwann reagieren und so wurde schließlich der Ford von Anne Naysmith am 7. März abgeschleppt. Einige Nachbarn versuchten sogar, die Abschleppaktion zu verhindern: Die Schauspielerin Sally Mates, der Schauspieler Sian Wheldon und der Florist Chris Young. Die Behörde hatte ihnen dafür sogar Strafe angedroht.

Freilich wurde der Wagen nicht ohne Vorwarnung vom Platz bewegt. Die schrullige Dame ignorierte allerdings den behördlichen Brief. Aber was hätte Anne Naysmith auch passieren sollen? Ihre Papiere waren in Ordnung. Sie hatte schließlich einen gültigen Führerschein, fuhr stets unfallfrei und der Wagen war ihr persönliches Eigentum. Alles eine Frage der Gerechtigkeit...

Hilfreiche Nachbarn quartierten Miss Naysmith sogar in einen Mercedes ein. Der Wagen wurde über nacht demoliert und sie hatte wieder keine Bleibe. Seither schläft sie unter anderem in Krankenhäusern und auf Polizeistationen. Jemand bot der Dame gar einen anderen Wagen an, aber sie lehnte dies mit der Begründung ab, sie habe einen funktionierenden Ford. Zudem wäre die Frage, wohin mit dem Auto?

Andere überlegen, wie man sie wieder in No. 22 einziehen lassen könnte. Das dürfte aber schwierig sein, schließlich sind die Räumlichkeiten fest vermietet. Ein »happy end« ist nicht in Sicht. Es sei denn, jemand würde No. 22 für Anne Naysmith kaufen.
 
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