DirektSchnitt-Aufnahmen = die Königsdisziplin

 

 

Analoge DirektSchnitt-Aufnahmen sind jetzt wieder möglich. Ein prominentes Beispiel ist der Brahms-Zyklus mit den Berliner Philharmonikern & Sir Simon Rattle. Wozu ist das gut? Es ist keineswegs nur eine Binsenweisheit, wenn man behauptet, daß die Magie schon während der Aufnahme entsteht und nicht erst in der Post Production. Es soll zwar Musiker geben, die nur kurze takes von zwei, vier oder acht 8 Takten aufnehmen oder sich ein ritardando vom Editor schneiden lassen, aber so entsteht wohl kaum eine Aufnahme mit magischer Aura – jedenfalls nicht bei klassischer Musik. Das Ergebnis wird dann eher künstlich, aber kaum ein künstlerisches Werk. Neben anderen Voraussetzungen kann es durchaus hilfreich sein, wenn man einfach das Aufnahmeverfahren ändert. Ein leichter Adrenalinschub und die Aufnahme kann gelingen. Die Rede ist von DirektSchnitt-Aufnahmen, auch als direct-to-disc (D2D) bekannt, die bis weit in die 1940iger Jahre hinein vor dem Einsatz des Magnettonbands üblich waren. Vielleicht kann dies auch erklären helfen, warum gewisse Aufnahmen von früher das gewisse Etwas haben. Zum besseren Verständnis lesen Sie bitte einfach eine Anekdote von Gregor Piatigorsky über seine Aufnahme von Schumanns Cellokonzert mit dem LPO unter der Leitung von Sir John Barbirolli. Die Aufnahme – natürlich in D2D – fand am 18. Mai 1934 in London in dem Studio statt, das wir heute als Abbey Road Studio One kennen. Der ›Trick‹ dabei ist vielleicht auch der Überraschungseffekt des Aufnahmeteams kurz vor den Aufnahme…

Nach vielen Konzerten war die Tournee beendet. Noch warm von der italienischen Sonne, suchte ich durch Regen und Nebel meinen Weg zu den Studios der Gramophone Company. Der Aufnahmeraum war voll von Herren vom Londoner Philharmonischen Orchester. Sie stimmten geräuschvoll ihre Instrumente und unterhielten sich mit lebhaften Gebärden. In Italien war eine solche Aufregung eine gewohnte, alltägliche Erscheinung, die dort durch beinahe alles hervorgerufen werden konnte. Hier aber waren diese Meister der Selbstbeherrschung nur durch völlig belanglose Dinge zu erschüttern. Tatsächlich stand, nach ihrer echten Erregung zu urteilen, keinerlei Katastrophe bevor. Denn einer solchen begegnet ein Engländer gefaßt. Nur wenn er seine Handschuhe oder seinen Schirm verliert, ist er imstande, einen Koller zu kriegen.

Der Dirigent, John Barbirolli, teilte mir mit, daß uns nicht mehr als ingesamt vierzig Minuten für die Probe und die Aufnahme des Schumann-Konzerts zur Verfügung standen. Die Tonmeister von ›His Master’s Voice‹ erklärten, es werde keine Unterbrechungen geben und das ganze Konzert müsse vom Anfang bis zum Ende ohne Pause aufgenommen werden. Barbirolli, der selbst ein Cellist war und das Konzert gut kannte, zweifelte daran, daß es möglich sein würde. »In der Tat, es wäre ein Wunder«, sagte der Tonmeister. »Es ist der erste Versuch, ein Konzert im ganzen aufzunehmen, anstatt wie sonst nach jeder Vier-Minuten-Seite eine Pause zu machen.«

»Wie werden Sie die Unterbrechungen vermeiden können?« fragte ich.

»Bevor die eine Seite fertig gespielt ist, wird die Aufnahme der nächsten bereits von einem anderen Apparat begonnen.« Es war kaum Zeit, Tempi oder sonst etwas zu besprechen, und zum Proben überhaupt nicht. Barbirolli erklärte dem Orchester die ungewöhnliche Situation, und beinahe im gleichen Moment erschien das rote Lichtzeichen »Achtung Aufnahme«. Es herrschte gespannte, ängstliche Ruhe. Die Aufnahme begann. Was war es? Gegenseitiges Mitgefühl, die Schönheit der Musik oder Glück? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wußte es niemand, während das Konzert mit angespannter Konzentration, Satz für Satz, fehlerlos bis zum letzten Akkord gespielt wurde. Genau in diesem Moment ertönte laut die Stimme des ersten Oboisten, Leon Goossens: »Bravo!« Dann verschwand das rote Licht. Das »Bravo!« war auf der Platte.

»Es tut mir leid«, sagte Goossens.

»Das soll es nicht«, sagte ich. »Das ist das aufrichtigste ›Bravo‹, das ich je hören werde.«

»Wir können diese Stimme nicht löschen«, sagte der Tonmeister. »Bitte versuchen Sie die letzte Seite noch einmal.« Als wir wieder spielten, gab es einen Krach von einem zu Boden fallenden Fagott, und jede folgende Wiederholung wurde entweder durch ein Niesen, Husten oder einen Kratzer auf meinem Cello unterbrochen, solange bis keine Zeit für einen neuen Versuch mehr übrigblieb. Der Gramophone Company gelang es nur teilweise, Mr. Goossens Stimme auf der Platte zu löschen, und sein »Bravo!« erfreut mich bis zum heutigen Tag.

Gregor Piatigorsky (1965): Mein Cello und ich und unsere Begegnungen, München 171998, S. 173-175

Hören Sie selbst!

Komponist: Robert Schumann
Tracks: Konzert für Violoncello und Orchester in a-Moll op. 129
ViolonCello: Gregor Piatigorsky
Orchester: London Philharmonic Orchestra
Dirigent: Sir John Barbirolli
URL: https://www.idagio.com/de/recordings/11007509

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